COBOT-VERGLEICH.DE · Sicherheits-Norm-Deck ISO/TS 15066 · ISO 10218 · DGUV 209-074

Norm-Deck · Cobot-Sicherheit

ISO/TS 15066, ISO 10218, DGUV 209-074 — der Sicherheits-Stack für Cobots.

Cobots dürfen nicht automatisch ohne Schutzzaun arbeiten. Die Berechtigung erwirbt jede Anlage erst durch dokumentierte Risikobeurteilung nach drei Normen-Dokumenten und vier Kollaborationsmodi mit biomechanischen Grenzwerten für 29 Körperregionen. Diese Seite ordnet das Norm-Set, erklärt die Modi und zeigt die Grenzwert-Tabelle.

Kollaborations-Modi
4
Körperregionen geprüft
29
Norm-Dokumente
5
Stand
April 2026

Die fünf relevanten Norm-Dokumente

Sicherheit von Cobots wird auf drei Ebenen geregelt: international (ISO), als technische Spezifikation (TS) und als nationale Berufsgenossenschafts-Vorgabe (DGUV). Für eine deutsche Cobot-Anlage müssen alle fünf Dokumente berücksichtigt werden.

ISO-Norm · Roboter

ISO 10218-1 (2011 / Rev. 2025)

Sicherheitsanforderungen an den Roboter selbst — also an den Hersteller des Cobot-Arms. Definiert Schutzfunktionen wie Notaus, Sicherheits-Halt, sichere Achsenbegrenzung. Gilt für alle Industrieroboter, nicht nur Cobots.

Adressat: Hersteller Status: Pflicht (CE)
ISO-Norm · Roboterzelle

ISO 10218-2 (2011 / Rev. 2025)

Sicherheitsanforderungen an die Roboteranlage — also an den Integrator und Betreiber. Schreibt Risikobeurteilung, Schutzeinrichtungen, sichere Programmierung und Bedienung vor. Hier wird Cobot-Kollaboration als Sonderbetriebsart eingeordnet.

Adressat: Integrator/Betreiber Status: Pflicht (CE)
Technische Spezifikation · Cobots

ISO/TS 15066 (2016)

Die zentrale Cobot-Spezifikation. Definiert die vier Kollaborationsmodi, biomechanische Grenzwerte für 29 Körperregionen und Methoden zur Validierung der Power-and-Force-Limiting-Funktion. Aktuell technische Spezifikation, Überführung in vollwertige ISO-Norm in Vorbereitung.

Adressat: Integrator/Betreiber Status: Stand der Technik
DGUV-Information · Deutsch

DGUV Information 209-074 (2017)

„Industrieroboter — Information der gesetzlichen Unfallversicherung". Faktischer Maßstab für deutsche Werksprüfungen durch die Berufsgenossenschaften (BGHM, BGN, VBG). Übersetzt ISO 10218 und ISO/TS 15066 in eine deutsche Praxis-Sicht mit Beispielen.

Adressat: Betreiber (DE) Status: Empfehlung mit Praxisrelevanz
EU-Richtlinie · CE-Konformität

EU-Maschinenverordnung 2023/1230

Seit Januar 2027 verbindlich (löst die Maschinenrichtlinie 2006/42/EG ab). Vorgeschrieben ist die CE-Kennzeichnung für jeden Cobot, der in den europäischen Wirtschaftsraum gebracht wird. Risikobeurteilung und Konformitätserklärung sind verpflichtende Bestandteile.

Adressat: Hersteller/Inverkehrbringer Status: Verbindlich
EU-Norm · Maschinensicherheit

EN ISO 12100 (2010)

Allgemeine Gestaltungsleitsätze für Maschinensicherheit, einschließlich Risikobeurteilung und Risikominderung. Mutter-Norm aller maschinenspezifischen Sicherheitsnormen — also auch ISO 10218 und ISO/TS 15066. Bei jeder Cobot-Risikobeurteilung implizit anzuwenden.

Adressat: Konstrukteur/Integrator Status: Pflicht (CE)

Die vier Kollaborationsmodi nach ISO/TS 15066

Die Spezifikation kennt vier Modi für Mensch-Roboter-Kollaboration. Sie schließen sich nicht aus — eine Anlage kann mehrere Modi je nach Arbeitsphase nutzen. Der wirtschaftlich häufigste Modus ist Power-and-Force-Limiting; nur er erlaubt unterbrechungsfreie Mensch-Roboter-Arbeit ohne Schutzzaun.

Modus 1Sicherheits-Halt mit Wiederanlauf

Der Roboter befindet sich im automatischen Betrieb. Wenn ein Mensch den überwachten Kollaborationsraum betritt (per Lichtschranke, Trittmatte, Lasersicherheits-Scanner oder Vision-System), löst die Sicherheitssteuerung einen sofortigen Halt aus. Der Roboter bleibt energetisch versorgt (Servo-Off ist nicht zwingend) — das spart die Hochlaufzeit beim Wiederanlauf, der erst nach Verlassen des Raums und Quittierung möglich ist.

Praxis-Hinweis Häufig kombiniert mit klassischer Schutzeinrichtung: Während der Mensch arbeitet, ist der Roboter „passiv". Wirtschaftlich nur sinnvoll, wenn die Mensch-Anwesenheit selten und kurz ist (z. B. Materialnachschub einmal pro Stunde).
Modus 2Hand-Führung (Hand Guiding)

Der Bediener führt den Roboter manuell durch direkte Berührung am Handgelenk oder über ein Bedienelement am Endeffektor. Üblich bei Lehrabläufen (Teaching), bei manueller Anbringung von Werkstücken oder bei kollaborativer Montage großer Bauteile. Voraussetzungen: aktivierte 3-Stufen-Zustimmtaste, sichere reduzierte Geschwindigkeit (typisch < 250 mm/s am TCP), Notaus innerhalb der Reichweite.

Anwendungsbeispiel Schweißerlehrgang an einem komplexen Bauteil: Der Schweißer führt den Cobot mit der Hand an die korrekte Bahn, der Roboter speichert die Punkte. Anschließend wird die Bahn im Automatikbetrieb wiederholt.
Modus 3Geschwindigkeits- und Abstandsüberwachung

Sicherheits-Lasersanner (z. B. SICK microScan3, Pilz PSENscan) oder Vision-Systeme überwachen kontinuierlich den Abstand zwischen Mensch und Roboter. Je näher der Mensch kommt, desto stärker reduziert der Roboter seine Geschwindigkeit, bis er bei Unterschreiten des Mindestabstands stoppt. Nach Vergrößerung des Abstands beschleunigt er automatisch wieder.

Praxis-Hinweis Wirtschaftlich attraktiv für große Cobots im Palettier-Einsatz, bei denen ein durchgehender Schutzzaun den Materialfluss behindern würde. Die Sicherheits-Sensorik (1-2 Scanner) kostet typisch 4.500-9.000 EUR plus sichere SPS für die Auswertung.
Modus 4Leistungs- und Kraftbegrenzung (Power and Force Limiting)

Der wirtschaftlich häufigste und namensgebende Cobot-Modus. Die Sensorik in jedem Gelenk (Kraft- und Drehmomentsensoren) sorgt dafür, dass im Falle einer ungewollten Berührung mit dem Menschen weder Geschwindigkeit noch Kraft die in ISO/TS 15066 spezifizierten Grenzwerte überschreiten. Der Roboter darf weiter automatisch arbeiten — eine räumliche Trennung Mensch/Maschine entfällt komplett.

Voraussetzung ist eine vollständige Risikobeurteilung mit messtechnischer Validierung an jedem Arbeitspunkt. Der Integrator muss für jede mögliche Berührungsstelle (Endeffektor, Roboterhand, Roboterarm, Sockel) und jede in Frage kommende Körperregion (Kopf, Hals, Brust, Arme, Hände, Beine) nachweisen, dass die Grenzwerte eingehalten werden.

Mess-Verfahren Validierung mit ISO-15066-konformem Kraftmessgerät (z. B. PILZ PRMS, GTE Cobot Force Tester) — schmaler federbelasteter Stempel mit kalibrierter Federkonstante, der die quasi-statische und transiente Kraft am Berührungspunkt misst. Ergebnisdokumentation Pflicht.

Biomechanische Grenzwerte (Auszug aus 29 Körperregionen)

Die quasi-statischen Kraftgrenzwerte (drückende Last) und transienten Kraftgrenzwerte (kurzzeitiger Stoß) sind in ISO/TS 15066 für 29 Körperregionen tabelliert. Die folgenden zwölf wichtigsten Werte zeigen das Spektrum vom besonders empfindlichen Schädelbereich bis zur belastbaren Hand.

Körperregion Quasi-statische Kraft (N) Transiente Kraft (N) Druck (N/cm²)
Kopf · Gesicht (besonders schutzbedürftig)
Stirn130 175110
Schläfe130 175110
Augen / Wange65 90110
Hinterhauptknochen140 200110
Hals (höchstes Verletzungsrisiko)
Hals (vorne)35 5035
Hals (Seiten)150 19035
Oberkörper
Brustbein140 170120
Rippen140 220170
Schultergelenk210 260160
Arme · Hände (am robustesten)
Oberarm150 220190
Unterarm160 220190
Hand · Handrücken140 200200
Finger (Spitze)280 490300

Quelle: ISO/TS 15066:2016 Tabelle A.2 / A.3 (Auszug). Vollständige Tabelle: 29 Körperregionen.

Risikobeurteilungs-Workflow

Fünf Schritte zur dokumentierten Cobot-Sicherheit.

01

Aufgabenanalyse

Welche Tätigkeit übernimmt der Cobot, welche der Mensch? Welche Berührungspunkte zwischen beiden sind möglich?

02

Modus-Wahl

Welche der vier Kollaborationsmodi sind anwendbar? Power-and-Force-Limiting reicht meist für Pick&Place.

03

Kraft-Validierung

Messung mit ISO-15066-konformem Kraftmessgerät an allen relevanten Berührungspunkten und Körperregionen.

04

Dokumentation

Risikobeurteilung mit Mess-Werten, Geschwindigkeits-Limits, Ablauf-Beschreibung. Aufbewahrungspflicht zehn Jahre.

05

Schulung & Inbetriebnahme

Bediener-Schulung, Sicherheits-Unterweisung, Eintrag in das Unterweisungsbuch nach DGUV Vorschrift 1.

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